... wohnt am Fuße des Jenzig-Berges bei Jena an der Straße "Am Erlkönig". Nebelstreifen waberten nicht umher, als ich ihn vorigen November besucht habe; dafür war gutes Herbstwanderwetter. Die Strecke vom Saalbahnhof zum Bahnhof Zwätzen ist flach und sechs Kilometer lang. Gleich zu Beginn der Tour läuft man auf den Jenzig zu, vorbei an lauschigen Schrebergärten.
Der Erlkönig steht an einer Muschelkalk-Felswand und weist mit seiner linken Hand über die Saale. In seiner Rechten hält er eigentlich ein Schwert, sagt das Internet, aber das sei ihm entwendet worden. Der Schweif sieht mir zwar sehr nach einem antiken Gelehrtenmantel aus, aber die Krone besteht anscheinend aus Erlenblättern. Das will ich mal gelten lassen.
Der Legende nach soll Goethe die Geschichte vom Erlkönig in einem Jenenser Gasthaus gehört haben, und der Handlungsort soll just diese Gegend sein. Die Saale ist hier von Schwarzerlen gesäumt, und oft steigen Nebel von ihr auf.
Weiter geht es auf der Landstraße nach Kunitz und damit auf einem thematisch ungewöhnlichen Wanderweg. Weil Jena seit Jahrhunderten eine Universitätsstadt ist, gibt es nämlich zwischen Erlkönig und Schrebergärten einen Mathematikwanderweg. An mehreren Stationen werden auf kleinen Erklärtischen Mathe-Dauerbrenner wie die Fibonacci-Zahlen erklärt. Dies alles gibt es also.
Sodann geht es vollends aufs Land, wir laufen auf Kunitz zu. Hinter dem Dorf erhebt sich der Große Gleisberg, ein weiterer Muschelkalkberg am Saaletal. Oben am Hang ist die Ruine der Gleisburg, auch Kunitzburg genannt, zu sehen. Wie es im Volkslied heißt: An der Saale hellem Strande stehen Burgen stolz und kühn. Bestimmt war die Gleisburg stolz und kühn, bevor sie im Sächsischen Bruderkrieg zerstört wurde.
Kurz vor Kunitz wird die Saale auf einer der selten gewordenen Hausbrücken überquert. Sie wurde 1945 zerstört und 2012 wiederaufgebaut. Ihr Balkenwerk finde ich sehr beeindruckend. Ebenfalls finde ich beeindruckend, dass in Kunitz bis vor einigen Jahren jeweils im August ein Eierkuchenfest stattfand, bei dem hunderte Eierkuchen nach Kunitzer Geheimrezeptur gebacken wurden. Dann wuchs das Fest dem veranstaltenden Verein anscheinend über den Kopf, und das Rezept ist immer noch geheim.
Wer möchte, kann nun zum nahegelegenen Bahnhof Zwätzen abbiegen und die Heimreise antreten. Ob des schönen Wanderwetters bin ich aber auf dem Saaleradweg bis Porstendorf weitergewandert. Sonderlich aufregend ist diese Strecke nicht, aber kurz vor Porstendorf führt der Radweg durch ein kleines Gehölz und schließlich am Saalewehr vorbei. Der Bahnhof Porstendorf ist übrigens einer der Einstiege zum SaaleHorizontale-Wanderweg, und zwar für die Etappe Porstendorf – Dornburg.
Zum Erlkönig zwei literarische Links: Die Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek stellt den Erstdruck von Goethes Erlkönig als Digitalisat bereit; und der Kindermann-Verlag hat den Erlkönig als illustriertes Kinderbuch veröffentlicht. (Werbung unbezahlt.)
Der Erlkönig im Kinderbuch sieht schon deutlich anders aus als die Erlkönig-Statue: grünlicher Fieselgnom versus Aristoteles-Merlin. Wie man sich den Erlkönig früher vorgestellt hat, zeigt diese Grafiksammlung des Goethezeitsportals.
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