In Sachsen-Anhalt kristallisiert Kulturgeschichte, wie dieses reichlich sechs Kilometer lange Stadtrundwandern in Weißenfels belegt. Ein erstes kulturgeschichtliches Zeugnis auf dieser Wanderung ist die regional bekannte industriegotische Ruine am Bahnhof. Der Industrieruinen sind im Osten viele, aber nicht alle sind so malerisch wie diese.
Den Markt umsteht ein Architektur-Sammelsurium von Gotik bis Zwischenkriegsmoderne. Vor der Marienkirche parlieren zwei geniale Weißenfelser miteinander: der Barock-Komponist Heinrich Schütz und der Romantik-Jüngling Novalis. Ihr Zwiegespräch versinnbildlicht, wie in Weißenfels Epochen aufeinandertreffen. Am interessantesten fand ich aber die Bäckerei Hennig und ihre solide Eierschecke. (Werbung in diesem Beitrag ist unbezahlt.)
Novalis ist am Rande des Stadtparks begraben. Bei meinem ersten Weißenfelsbesuch im März war sein Grabstein mit der anmutigen Büste noch im Winterschutz verpackt. Also bin ich im April noch einmal nach Weißenfels gereist, um die Novalis-Büste zu fotografieren (und um das Innere des Bismarckturms zu besichtigen). Für die Novalis-Ultras gibt es in der Novalis-Gedenkstätte die blaue Plasteblume der Romantik als Anstecker.
Auf einem Hügel in der Altstadt sind ein Stück Stadtmauer und der Pulverturm erhalten. Vom Dach des, nun ja, Parkhauses hat man einen schönen Blick zur Marienkirche und zum Schloss Neu-Augustusburg.
Etwas unterhalb befindet sich das Geleithaus. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde darin der Leichnam Gustav Adolfs obduziert, wovon ein Blutfleck an der Wand herrühren soll. Das Obduktionszimmer ist zu besichtigen, und danach kann man nebenan im selben Haus ins Irish Pub einkehren. Wer es weniger morbid mag, der kann gleich zum Schloss weiterspazieren. Das ist derzeit zur Hälfte saniert, ähnlich wie die Stadt Weißenfels im Ganzen.
Sodann geht es noch ein Stückchen bergauf, denn im Jahr 1906 haben sich die Weißenfelser Bürger einen besonders schönen Bismarckturm geleistet. Mir kommt er vor wie eine kleinere und elegantere Version des Völkerschlachtdenkmals. Er wird von Ehrenamtlichen gewartet und während der Wandersaison zweimal monatlich für Besucher geöffnet. Im Turm befindet sich eine kleine Ausstellung zu Bismarck und zum Turm, und von der Aussichtsplattform aus guckt man auf Weißenfels und die Saale.
Vorbei an Aussichtspunkten und auf Altstadttreppen geht es hernach hinab an die Saale und zurück zum Bahnhof. Dabei kam ich an einem Haus vorbei, in dem einige Jahre lang die heute leider weithin vergessene Schriftstellerin Louise von François, Verfasserin u.a. der Novelle "Der Katzenjunker", lebte.
Zum Schluss noch drei Links zur sachsen-anhaltinischen Kulturgeschichte. Eine Auswahl der zwanzig schönsten Schlösser des Burgenlandkreises wurde auf Komoot getroffen. Keine Burg, aber trotzdem das Herz des Burgenlandkreises ist der Naumburger Dom. Und Novalis' Hymnen an die Nacht sind in beiden Fassungen als Teil des Projekts Gutenberg online verfügbar.
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